Autor: Peter Dittmann (Seite 1 von 6)

Berolina Mitte holt sich den 1. Mosse-Pokal

Eigentlich hätten sie schon vor zwei Jahren spielen sollen. Aber da machte Corona auch ihnen einen Strich durch die Rechnung. Nun aber war es endlich so weit. Acht Jugendmannschaften waren am Samstag, den 25. Juni, im Jahnsportpark erschienen, um den von der Initiative „Mosse erinnern!“ gestifteten Mosse-Pokal zu gewinnen.

Die Initiative, die sich seit Längerem unter dem Dach von Gesellschaftsspiele e.V. trifft und vor zwei Jahren die Mosse-Tage veranstaltet hat, will an den jüdischen Zeitungsverleger Rudolf Mosse erinnern, der vor dem Ersten Weltkrieg Millionen für Sportplätze und Waisenhäuser gespendet hat. Nach ihm war einst eine Straße am Jahnsportpark benannt, bis die Nazis seinen Namen tilgten. Die Initiatoren des Pokals wollen eine Rückbenennung erreichen, ein Vorhaben, das auch der Bezirk Pankow unterstützt, dessen Bürgermeister Sören Benn ein Grußwort schickte.

Bei gewittrig-schwülem Wetter traten pünktlich um 16 Uhr acht U11-Teams an von BFC Alemannia 1890, BSC Rehberge 1945, SC 1920 Berliner Amateure, SC Rotation Prenzlauer Berg, SV Bau-Union, SV Blau-Weiß Berolina Mitte 1949, SV Norden-Nordwest 1898 und SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08. Bei den Kids wie bei den Mitgereisten herrschte prächtige Stimmung. Dank tatkräftiger Unterstützung durch das Fanprojekt der Sportjugend Berlin verkürzten Sucuk, Halloumi und Paprika vom Grill eine kleine Gewitterpause.

Schließlich sicherte ich das U11-Team von Berolina die schon vorher bestaunte Trophäe. In einem umkämpften und hochklassigen Finale besiegten sie Rotation Prenzlauer Berg. Aus der Hand der Berliner Fußballlegende Gerd Liesegang, dem Schirmherrn dieses Turniers, nahmen die jungen Kicker anschließend den 1. Mosse-Pokal entgegen.

Eine rundum gelungene Veranstaltung, die wohl – da waren sich alle einig – im kommenden Jahr eine Fortsetzung verdient.

Einladung zum Netzwerktreffen „Nicht unsere WM!“ (28.5. Frankfurt/Main)

Vom 21. November bis 18. Dezember 2022 soll in Katar die 22. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer stattfinden. In einem Land, in dem Homosexualität gesetzlich verboten ist; in einem Land, in dem Frauen systematisch benachteiligt werden; in einem Land, in dem Hunderttausende Arbeitsmigrantinnen – meist Bauarbeiter und weibliche Hausangestellte – unter elenden, teils sklavenähnlichen Bedingungen schuften; in einem Land, in dem es keine politischen Parteien und keine Gewerkschaften gibt; in einem Land, in dem eine Familiendynastie herrscht und Kritik am Herrscherhaus unter Strafe steht.

Das alles hat die Funktionäre des Fußball-Weltverbandes FIFA nicht davon abhalten können, die WM an den Golfstaat zu vergeben. Wir finden das eine fatale Entscheidung. Als sich im Sommer 2020 die Initiative „Boycott Qatar 2022“ gegründet hat, gehörte unser Verein deshalb zu den Erstunterzeichnern. Wir schrieben damals:

„Wir als gemeinnütziger Verein, der im Fußballkontext Bildungsarbeit leistet, werden nicht einfach so tun, als sei die WM 2022 ein Turnier wir jedes andere. Normalerweise begleiten wir als Fußballbegeisterte Welt- und Europameisterschaften mit einem kritischen Kulturprogramm, an das sich ein gemeinsames Fußballschauen am Fernseher oder vor der Leinwand anschließt.  Mit der Weltmeisterschaft in Katar ist nun eine Situation erreicht, die einen komplett anderen Umgang mit diesem Fußballturnier erfordert. Die Kombination aus ausufernder Kommerzialisierung des Fußballs, maximaler Vermarktung des Produkts Fußball-WM und den „Merkwürdigkeiten” ihrer Vergabe bei gleichzeitiger Missachtung der Menschenrechte im Austragungsland hat das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Die staatliche Diskriminierung von Frauen in Katar, das gesetzliche Verbot der Homosexualität, die miserable, sklavenähnliche Situation der „Gastarbeiterinnen” und nicht zuletzt die fehlende Fußballkultur – all das hat uns dazu bewogen, als Fußballfans unseren Protest gegen dieses WM-Turnier mit Gleichgesinnten zu organisieren. Ein anderer Fußball ist nötig! Ein anderer Fußball ist möglich!“

Im vergangenen Jahr haben wir zwei große Diskussionsveranstaltungen zu diesem Themenkomplex organisiert: Am 17. Juni zusammen mit dem Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER) im Mommsenstadion „Reingegrätscht! Für klima- und fangerechte Fußballveranstaltungen ohne Ausbeutung“ und am 24. November zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Berliner SO36 „Foulspiel mit System“.

Auch in diesem Jahr werden wir in Sachen Katar am Ball bleiben und wollen dazu beitragen, den Protest gegen diese unsägliche Veranstaltung zu intensivieren und zu verbreitern. Zu diesem Zwecke organisieren wir mit anderen Freund*innen des schönen Spiels ein Vernetzungstreffen kritischer Fußballfans am 28. Mai 2022 in Frankfurt am Main, zu dem wir Euch herzlich einladen wollen. Die Einladung mit Angaben zur Anmeldung findet ihr hier.

„Boycott Qatar 2022!“ Der Protest geht weiter.

Online-Veranstaltung: El Clásico als spanischer Erinnerungsort

Vortrag und Diskussion mit Julian Rieck, am 20. März um 19 Uhr als Zoom-Konferenz.

Das Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona gilt als wichtigstes Spiel unter Fußballvereinen weltweit. Wenn am Sonntag, den 20. März 2022 die Clubs aus den beiden größten Städten Spaniens aufeinandertreffen, dann werden wieder über eine halbe Milliarde Menschen zuschauen.

Der Clásico ist nicht nur das Aufeinandertreffen der aktuell umsatzstärksten Fußballclubs der Welt. Er hat auch eine gesellschaftliche Dimension. In Spanen unterstützen Fans zwei Vereine: Ihren lokalen Club und Real oder Barça.

László Kubala und Alfredo di Stefano, die entscheidenden Spieler der 50er Jahre

Im Clásico werden Weltbilder und außersportliche Überzeugungen verhandelt. Die Sympathien und Antipathien für die Kontrahenten des Clásico werden dabei meist aus Geschichten und Mythen abgeleitet, die auf die fast 40 Jahre währende Franco-Diktatur zurückzuführen sind.

Aus katalanischer Perspektive wird Real Madrid die Rolle des „Regimeclubs“ zugeschrieben, während der FC Barcelona als „Oppositionsclub“ gilt. Häufig wird dies auf die Formel: „gut gegen böse“ heruntergebrochen. In seinem Vortrag mit anschließender Diskussion wird Julian Rieck danach fragen, was dran ist, an diesen Mythen und den historischen Ursachen der Rivalität nachgehen. Schließlich wird die Bedeutung von geschichtlichen Ereignissen für die Gegenwart diskutiert.

Julian Rieck ist freier Historiker und forscht zur Geschichte des politischen Fußballs. Er hat in Lateinamerika und in Spanien gelebt, wo ihn die Frage, wie die jeweiligen Länder ticken, immer wieder ins Stadion zog. Neben einiger Fachartikel zur Geschichte des Fußballs in Spanien, Deutschland und Kolumbien, ist von ihm die Fußballfibel Fortuna Düsseldorf in der Bibliothek des Deutschen Fußball erschienen.

Zoom-Veranstaltung: https://us02web.zoom.us/j/82409220788?pwd=Tnd1ODZKNktkbmI2L21aZjIwWjljUT09

Meeting-ID: 824 0922 0788
Kenncode: 943331

FACEBOOK-VERANSTALTUNG

Gesellschaftsspiele e.V. wird mit Julius Hirsch Preis geehrt

Der Berliner Verein Gesellschaftsspiele e.V. wird am 22. November 2021 in Frankfurt am Main für sein gesellschaftliches und erinnerungspolitisches Engagement vom Deutschen Fußball-Bund mit dem Julius Hirsch Preis ausgezeichnet.

Die Jury des Julius Hirsch Preises hat Gesellschaftsspiele e.V. zum zweiten Preisträger des Jahres 2021 gewählt. Seit seiner Gründung im Jahr 2015 tritt der Verein aus Berlin für eine offene, solidarische und inklusive Gesellschaft ein und wendet sich aktiv gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus, Faschismus, Sexismus und Homophobie. 

Mithilfe der Fußball- und Fankultur versucht Gesellschaftsspiele e.V. soziale und politische Vorgänge verständlich zu machen. In seiner Bildungsarbeit widmet sich der Verein mit Informations- und Diskussionsveranstaltungen, mit Workshops, Vorträgen und Jugendbegegnungen den unterschiedlichsten Themen: vom Kampf weiblicher Ultras um Teilhabe im Stadion bis hin zu Rassismus im russischen Fußball.

Das erinnerungspolitische Engagement ist ein Schwerpunkt der Arbeit des Vereins. Die Initiative „Mosse erinnern!“, die sich 2017 auf Anregung des Schriftstellers Holger Siemann unter dem Dach des Vereins organisiert hat, veranstaltete im vergangenen Jahr die Mosse-Tage. Anlass war der 100. Jahrestag der Benennung einer Straße in Prenzlauer Berg nach dem jüdischen Verleger, Mäzen und Stifter Rudolf Mosse. Ihren Namen haben die Nazis 1935 getilgt, die Straße selbst verschwand nach 1945 unter dem Jahn-Sportpark und geriet in Vergessenheit. Entlang der ehemaligen Mosse-Straße präsentierte die Initiative eine Open-Air-Ausstellung mit elf Litfaßsäulen über das Wirken der Familie Mosse in Berlin und die sportpolitische Geschichte des Orts. Im Fanprojekt der Sportjugend Berlin fanden vier begleitende Vortragsveranstaltungen statt. Die Arbeit geht weiter: Im kommenden Jahr wird erstmalig ein Jugendturnier um den von der Initiative gestifteten Mosse-Pokal ausgetragen.

Gesellschaftsspiele e.V. setzt sich für einen Fußball ein, der partizipativ, solidarisch und zukunftsgerichtet ist. Während der Corona-Pandemie sammelte der Verein im Rahmen einer Online-Quiz-Reihe über 1.300 Euro an Spenden für einen guten Zweck – u.a. für die Obdachlosenhilfe Berlin, für Fußballfans gegen Krebs und Bellevue di Monaco. Zudem erarbeitete Gesellschaftsspiele e.V. in der Zeit geschlossener Tribünen und Sportplätze eine Fußballutopie, in der der Verein das Konzept eines alternativen Fußballverbandes entwirft, der nach genossenschaftlichen Prinzipien organisiert ist. In regelmäßigen Runden werden die Ideen gemeinsam mit Expert*innen inner- und außerhalb des Fußballs diskutiert, auf dem Weg zur Satzung der ersten Fußballgenossenschaft hierzulande. 

Über den Julius Hirsch Preis:

Mit dem Julius Hirsch Preis zeichnet der DFB Initiativen und Vereine aus, die einen Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft, der Demokratie, der Menschenrechte und zum Schutz von Minderheiten leisten. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus. Julius Hirsch war deutscher Fußballnationalspieler jüdischen Glaubens. Er wurde 1943 von den Nationalsozialisten in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. 

Livestream: Foulspiel mit System – ein Jahr vor der WM in Katar

+++ UPDATE +++

24.11.2021, 19 Uhr (Livestream)

Aufgrund der aktuellen Infektionslage findet die morgige Veranstaltung ohne Präsenz-Publikum statt. Teilnehmende können sich über den Live-Stream an der Veranstaltung beteiligen und Fragen im Chat stellen.

Die WM in Katar ist so umstritten wie es lange keine große Sportveranstaltung mehr war und hat vor allem aufgrund der lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen immer wieder negative Schlagzeilen gemacht. Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen setzen sich seit Jahren für die migrantischen Arbeiter*innen auf Katars Baustellen und in anderen Sektoren ein. Gleichzeitig stellen sich Fußballfans weltweit die Frage, wie sie ihre Macht als

Zuschauer*innen nutzen können, um Ausbeutung und Kommerzialisierung in der Sportindustrie etwas entgegenzusetzen.

Wir laden euch dazu ein, mehr über die Situation in Katar zu erfahren und mit uns Möglichkeiten der Solidarisierung mit den Arbeiter*innen sowie soziale und ökologische Vergabekritierien für Weltmeisterschaften zu diskutieren.


Wir diskutieren mit:

  • Smritee Lama (Gewerkschafterin aus Nepal)
  • Susanne Franke (Schalker Fan-Initiative/ Netzwerk Boycott Qatar 2022)
  • Dietmar Schäfers (IG BAU)
  • Katja Müller-Fahlbusch (Amnesty International Deutschland)
  • Jonas Burgheim (Zentrum für Menschenrechte und Sport)
  • Sebastian Son (Centre for Applied Research in Partnership with the Orient)

Moderation: Ronny Blaschke

Die Veranstaltung wird ab 19 Uhr im Livestream übertragen: 
https://www.rosalux.de/livestream

Eine Kooperation von Helle Panke e.V., Rosa-Luxemburg-Stiftung,  Sport handelt fair und Gesellschaftsspiele e.V.

Ausschreibung „21 Fans“

Du möchtest Einblicke in europäische Fanszenen bekommen und mit jungen Erwachsenen aus der Türkei, Ukraine, Tschechien und Deutschland über Ausgrenzung und Diskriminierung in Fußball und Fankultur diskutieren?

Du bist Fußballfan, interessierst Dich für das Thema Antidiskriminierung in Fußball und Fankultur oder engagierst Dich sogar in diesem Bereich?

Bewirb Dich jetzt!

Im Rahmen eines 8-tägigen Begegnungsprogramm suchen wir Teilnehmende. Was Du mitbringen solltest:

  • Du musst zwischen 18 und 28 Jahre alt sein.
  • Die Begegnung wird in englischer Sprache veranstaltet, daher sind gute Kenntnisse der Sprache erforderlich.
  • Eine Impfung gegen Covid-19 ist aus organisatorischen Gründen notwendig.

Lässt sich mithilfe des Fußballs Politik, Gesellschaft und Geschichte anderer Länder besser verstehen?

Gemeinsame Workshops, Exkursionen und Stadionbesuche geben Dir die Gelegenheit, andere Fußballkulturen kennenzulernen und sich über Diskriminierungsformen und Ausgrenzungsmechanismen innerhalb der eigenen Fan-Szenen auszutauschen.

Der Zeitraum der Begegnung ist vom 14. – 21.11.2021 in Berlin. Unterkunft, Verpflegung und Reisekosten werden von uns übernommen. Untergebracht werdet Ihr in Mehrbettzimmern.

Schreib uns, warum Du dabei sein möchtest und bewerbe Dich per Mail: kontakt@gesellschaftsspiele.berlin.

Veranstaltungsbericht: „Raus aus dem Abseits – Fußball und LGBTQI+ im Spiegel der Geschichte“

Geht man durch die Straßen Berlins, lässt einen der Alltagsstress leicht vergessen, dass sogenannte „Stolpersteine“ eingelassen in die Bürgersteine der Stadt an vom NS-Regime ermordete Menschen erinnern. Genau deshalb versammelten sich rund 10 Fußballfans und ein tierischer Begleiter am 11. September 2021 zu unserer erinnerungspolitischen Fahrradtour an einem eben solchen Stein, in der Kurstraße 32 am Spittelmarkt.

Lothar Dönitz berichtet vom Lebensweg Gustav Herzbergs

Der Stolperstein ist Gustav Herzberg gewidmet. Er wurde 1907 in Breitenstein bei Stolberg im Harz geboren. Er arbeitete in der Gastronomie, zog zunächst nach Bayern, dann nach Berlin, wo er nahe des Spittelmarktes wohnte. 1941 wurde er wegen des Verdachts gegen den Paragrafen 175 (Homosexualität) verstoßen zu haben von der Gestapo in Berlin verhaftet und zunächst zu drei Monaten Arbeitserziehungslager in Berlin-Wuhlheide verurteilt. Im Februar 1942 wurde er ins KZ Buchenwald eingeliefert und nach vier Wochen ins Konzentrationslager Ravensbrück überführt, wo er im Juni im Alter von 34 Jahren verstarb bzw. ermordet wurde – die Zustände in den Konzentrationslagern waren nicht aufs Überleben ausgerichtet. Lothar Dönitz besteht auf dem Wort „ermordet“, sagt es ganz bewusst, während er eindrücklich vom Leidensweg Gustav Herzbergs erzählt.

Dönitz ist Mitglied im Gesprächskreis Homosexualität der evangelischen Advent-Zachäus-Kirchengemeinde und zusammen mit der Großnichte Herzbergs, Xenia Trost, verantwortlich für die Verlegung des Stolpersteins, mit dem die Erinnerung an ihn am Leben gehalten wird. Dieser wurde nach dem Vortrag gereinigt und seinem Andenken mit Blumen gedacht, ehe wir zu unserer zweiten Station aufbrachen: Dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen.

Gedenken an Gustav Herzberg

Dort angekommen begrüßte uns der nächste Referent Günter Dworek vom LSVD. Im Halbkreis um das Denkmal versammelt, berichtete er uns zunächst kurz von der Geschichte des Denkmals selbst. „Lange Zeit hatte das Leid homosexueller Menschen keinen Platz in der deutschen Erinnerungskultur“, so Dworek. Der Bau des Denkmals wurde erst 2003 durch den Bundestag beschlossen und 2008 umgesetzt. Es soll zum einen eine Erinnerung an das geschehe Unrecht sein, die Opfer gebührend ehren und zusätzlich ein Zeichen gegen Ausgrenzung setzen.

Danach sprach Günter Dworek über die Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen Menschen vom NS-Deutschland bis in die BRD und DDR. Während des Nationalsozialismus wurden homosexuelle Lebenswelten wie Bars, Zeitschriften oder Clubs zerstört und der Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs gegen homosexuelles Verhalten erheblich verschärft und ausgeweitet. In der Folge kam es zu über 50.000 Verurteilungen. Oft wurden vor allem schwule Männer in Konzentrationslager verschleppt, in denen sie zusammen mit den anderen Häftlingen unendliches Leid erfahren haben. „Nach dem Krieg war man zwar frei“, so Dworek, „aber man genoss keine Freiheit“. So mussten Homosexuelle in der BRD teilweise noch Haftstrafen aus dem alten Regime absitzen, was sogar vom Bundesverfassungsgericht als rechtmäßig bestätigt wurde. Homosexualität war immer noch ein Straftatbestand.

Das führte dazu, dass die Sichtbarkeit von Homosexuellen in der Weimarer Republik höher war als in der jungen BRD. Erst in den 80iger Jahren änderte sich dies und man erkämpfte sich einen Platz in der Anerkennungskultur. In der DDR wurde der Paragraf 175 ab 1968 zwar nicht mehr angewendet, gesellschaftliche Ausgrenzung erfuhren Schwule und Lesben aber trotzdem.

Günter Dworek (LSVD) berichtet am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen

„Das Denkmal stellt eine Adaption einer Stele dar und ist durch sein filmisches Innenleben sehr dynamisch“, erzählt Dworek. So können immer wieder neue Impulse aufgegriffen werden, wie zum Beispiel das Thema Transgender. „Es soll ein Ort des Gedenkens sein, an dem man sich bewusst wird, dass Hass und Verfolgung keine Naturgesetze sind, gegen die man machtlos ist“, schließt Günter Dworek. Das kleine Publikum, zu dem sich auch Außenstehende gesellt haben, verabschiedet sich mit dankendem Applaus. Wir machen uns auf zur dritten Station. Durch den Tiergarten, am Magnus-Hirschfeld-Ufer entlang, bis zum Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung.

Bei mittlerweile sonnigen Septemberwetter hält Christopher Schreiber vom LSVD Berlin-Brandenburg einen kurzen Vortrag über die Historie und Entwicklung der ersten politischen Bewegung vom Homosexuellen, die im 19. Jahrhundert in Berlin ihren Anfang fand. Eng mit der Bewegung verbunden war der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der Homosexualität als biologisch gegeben betrachtete und nicht als Perversion. Daraus leitete er politische Forderungen wie die Abschaffung des Paragraf 175 ab, für die er mithilfe des Wissenschaftlich-humanitären Komitees öffentlich lobbyierte. Er begründete außerdem eine ambulante Einrichtung für homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen die Betreuung und einen Schutzraum brauchten. Nach der Machtübernahme der Nazis, musste Hirschfeld ins Exil fliehen. „Nach dem 2. Weltkrieg musste die Emanzipationsbewegung dann quasi bei Null anfangen“, berichtet Schreiber. Das Denkmal wurde erst 2017 eröffnet, was den jahrzehntelangen Kampf für die Anerkennung der Emanzipationsbewegung zum Ausdruck bringt.

Am Magnus-Hirschfeld-Ufer gibt Christopher Schreiber einen Input zur Emanzipationsgeschichte

Nachdem wir uns von Christopher verabschiedet haben, ist es Zeit für unsere letzte Station. Auf der Haupttribüne des Poststadions geben uns Philipp Bommer von den Hertha-Junxx, dem ersten offiziellen schwulen und lesbischen Fanclub der Bundesliga und Christian Rudolph von der Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt beim DFB einen Überblick über Gleichberechtigung und Teilhabe im Fußball.

Die Herthajunxx existieren seit 2001 und sind bei den Heimspielen von Hertha BSC im Oberrang präsent. „Wir sind wichtigster Ansprech- und Kooperationspartner von Hertha und bringen uns aktiv mit ein“, sagt Philipp. „Dabei geht es vor allem darum die Sichtbarkeit der queeren Community im Fußball zu erhöhen. Deswegen wollen wir uns langfristig auch in die Ostkurve integrieren“. Darüber hinaus ist Philipp Bommer auch im Vorstand der Queer Football Fanclubs, einem Netzwerk schwul-lesbischer Fanclubs in Europa.

Philipp Bommer (Hertha-Junxx) und Christian Rudolph (Anlaufstelle sexuelle und geschlechtliche Vielfalt) diskutieren über die Akzeptanz von LGBTIQ+ im Fußball

Christian Rudolph arbeitet als Netzwerker daran den Fußball zu einem safe space für alle zu machen. Dafür arbeitet er eng mit Landes- und Regionalverbänden zusammen, nimmt sich deren Anliegen an und versucht so Veränderungen anzustoßen – beispielsweise für das Spielrecht von trans- und intersexuellen Personen. „Fangruppen leisten einen wichtigen Beitrag um die Sichtbarkeit der LGBTIQ+ community zu erhöhen“, sagt Rudolph. „Wir möchten einen Fußball der divers ist, aber immer noch frotzlig und wild“.

Diese Schlussworte aus der Gegenwart markieren das Ende unserer erinnerungspolitischen Fahrradtour. Mit vielen Eindrücken und neuen Perspektiven im Gepäck werfen wir noch einen letzten Blick auf das saftige Grün im Poststadion, der Heimat des Berliner AK, dann fährt jeder*r auf seinem eigenen Radweg nach Hause.

An dieser Stelle möchten wir nochmals unseren Kooperationspartnern für ihre Unterstützung danken: dem LSVD Bund, dem LSVD Berlin-Brandenburg, den Hertha-Junxx, der Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt beim DFB und der Initiative Sport handelt fair.

Auftaktlesung: „In 90 Minuten um die Welt“

Dienstag, 14. September 17:30 Uhr, Poststadion

Wir haben ein ganz besonderes Schmankerl für euch vorbereitet!  

Michael Stoffl, nicht nur glühender Anhänger der Löwen aus München, sondern auch passionierter Fußballreisender, hat für die Reihe der Fußballfibeln (die mittlerweile gut 50 Büchern zu verschiedenen Vereinen umfasst) die spannendsten Erlebnisse seiner Touren gesammelt! Vom Afrika-Cup über das kolumbianische Pokalfinale bis hin zum Teheran-Derby!  

Abseits ausgetretener Pfade begeben wir uns auf einen Trip rund um die Welt – wobei nicht immer alles glatt läuft. Es geht unter anderem nach Nordkorea, in den Kongo und nach Saudi-Arabien. Neben Erlebnisberichten rund um den Spielbesuch ermöglicht uns der Autor auch überraschende Einblicke in den Alltag der besuchten Länder. Eine Liebeserklärung an die Welt, ihre Menschen, das Reisen und den Fußball. 

Ihr findet uns in den Räumlichkeiten des Berliner AK auf der Haupttribüne des Poststadions Berlin (Lehrter Str. 59, 10557 Berlin), unweit des Berliner Hauptbahnhofes. Einlass ist ab 17:30 Uhr – für Getränke ist ebenfalls gesorgt! 

Wer früh dran ist: Holger von der Fanbetreuung des Berliner AK wird ab 17 Uhr eine kleine historische Stadionführung anbieten, als kleines Aufwärmprogramm für die anstehende Lesung auf der Haupttribüne.

Moderiert wird die Lesung von Rico Noack (Gesellschaftsspiele e.V.). 

Kommt vorbei, lauscht exotischen Geschichten und erlebt mit uns einen bunten fußballkulturellen Abend! Wir freuen uns auf euch! 

Während der Veranstaltung gelten die aktuellen Hygiene-Regeln: Bitte bringt einen Nachweis mit, dass ihr geimpft, genesen oder getestet seid („3G“). Ebenfalls müsst ihr abseits eures Sitzplatzes eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Für die Kontaktverfolgung wird am Eingang ein Formular ausliegen, das auszufüllen ist.

Mehr über das Buch könnt ihr in diesem Interview von Michael Stoffl erfahren. Käuflich erwerben ist das Buch direkt beim Culturcon Verlag.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Berliner AK.

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Erinnerungspolitische Radtour „Fußball und LGBTIQ+ im Spiegel der Geschichte“

Start: 11.09. um 11:30 Uhr am Spittelmarkt (U2)

Wir laden Euch herzlich ein zu unserer erinnerungspolitischen Radtour zum Thema „Fußball und LGBTIQ+ im Spiegel der Geschichte“ am Samstag, den 11. September ein.

Der Fokus der Veranstaltung liegt auf der Erinnerung und dem Gedenken an die Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität im Nationalsozialismus und der Geschichte von queeren Fußballfans und Fankultur heute. Hat sich Diskriminierungsgeschichte fortgeschrieben?

Unsere Radtour führt über vier Stationen. Start ist um 11:30 Uhr am U-Bahnhof Spittelmarkt (U2) in Berlin Mitte. Die Tour dauert rund 2,5 Stunden und endet am Poststadion in Moabit. Ihr braucht ein Fahrrad und Spaß. Die bekannte 3G-Regel (geimpft, getestet, genesen) ist Voraussetzung für eine Teilnahme.

Anmeldungen sind bis zum 09.09.21 unter kontakt@gesellschaftsspiele.berlin möglich. Eine Anmeldung ist verpflichtend da die Teilnehmerzahl auf maximal 15 Gäste begrenzt ist.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem LSVD Bund und dem LSVD Berlin-Brandenburg, unterstützt von „Sport handelt fair“ und der Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Fußball (DFB/LSVD).

Veranstaltungsbericht „Reingegrätscht! Für klima- und fangerechte Fußballveranstaltungen ohne Ausbeutung“

Das Mommsenstadion. Sportliche 30 Grad. Allerlei Kaltgetränke. Wir dagegen heiß wie Frittenfett. Unsere erste Präsenzveranstaltung hätte keine besseren Voraussetzungen haben können. Im Schatten der Haupttribüne konnten wir kompetente Redner*innen und knappe 40 Interessierte begrüßen. Alle getestet oder geimpft natürlich.

Die Ehre gaben sich der Sportjournalist und Qatar-Experte Benjamin Best , Helen Breit vom Fanbündnis „Unsere Kurve“, Autor und Mitinitiator der Initiative „Boycott Qatar“ Dietrich Schulze-Marmeling und Sandra Schwedler, Aufsichtsratschefin vom FC St. Pauli und Teil der Initiative „Fußball kann mehr“. Moderiert wurde die Veranstaltung von Michael Jopp von „Sport handelt fair“.

Das Podium auf der Haupttribüne des Berliner Mommsenstadions

Am Anfang drehte sich die Diskussion vor allem um die laufende, paneuropäische Europameisterschaft, die organisierte Fußballfans vor allem wegen der Pandemie kritisch sehen. Das Fußballbusiness gab sich zunächst sehr demütig, weil die Schwachstellen des Systems deutlich sichtbar wurden. Der pure Überlebenswunsch ließ diese Haltung jedoch schnell wieder kippen. Echte Veränderungen Fehlanzeige. Da vor allem autoritäre Staaten sehr viel Geld in den internationalen Fußball investieren, ist die UEFA aber auch die FIFA von Ihnen abhängig. Staaten wie Qatar, Ungarn oder Aserbaidschan pochen auf den status quo.

Aber auch die Berichterstattung der Medien, vor allem der öffentlich-rechtlichen, bleibt zu unkritisch. Erst recht, wenn ein Turnier erstmal in Gange ist. Das Podium war sich einig, dass Medien internationalen Turniere viel mehr in Perspektive zu gesellschaftlichen Themen wie Nachhaltigkeit setzen müssen. „Der Fußball muss lernen, dass er nicht im luftlehren Raum stattfindet“, fasst Helen Breit passend zusammen. Kritische Fanbewegungen sieht man hier als Korrektiv. Darüber hinaus appellierte Sandra Schwedler auch die Konsument*innen, die sie in der Pflicht sieht Veränderungen von Verbänden einzufordern.

Danach wurde die WM in Qatar diskutiert. Zum Einstieg wurde ein Video-Statement einer Gewerkschaftsvertreterin aus Nepal gezeigt. Nach Medienberichten über die menschenunwürdigen Zustände auf den Baustellen der Stadien und den mehr als 6.000 toten ausländischen Arbeiter*innen, hat sich die Situation dieser leicht verbessert. Die Einführung eines Mindestlohns von umgerecht einem Euro pro Stunde, gilt als Meilenstein. Das Kafala-System, was Arbeiter*innen de facto von ihren Arbeitgeber*innen abhängig macht, existiert de facto aber immer noch. Die Ausbeutung hält demensprechend weiter an.

Benjamin Best berichtet von seinen Erfahrungen in Katar

Wie soll aufgrund dieser Tatsache mit der WM umgegangen werden? Für Dietrich Schulze-Marmeling ist klar: Ein internationaler Boykott muss her. Deswegen hat er die Initiative „Boykott Qatar 2022“ ins Leben gerufen. Vor allem aber stehen die Landesverbände und Vereine in der Pflicht, sich klar zu positionieren, wenn man schon nicht boykottiert. Hier kann auch wieder jede*r Einzelne ein Zeichen setzen. Alle Initiativen, die sich gegen die WM aussprechen üben Druck aus, denn Verbände müssen von außen getrieben werden. Eine Veränderung aus dem Inneren scheint so gut wie unmöglich.

Bleibt zum Schluss die Frage: Wie können wir große sportliche Veranstaltung nachhaltig und fair organisieren? Die Stichworte: Einmischen, organisieren, diskutieren. An der Basis. Im Verein. Auf Landesebene. Bis nach oben. Denn nur so ist Veränderung möglich.

Ausklang bei Kaltgetränken

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